Gefangene der eigenen Erinnerung
Eine autobiografische Tanz-Lesung über NS-Zwangsarbeit
Lesung, Tanz und Musik wirken symbiotisch zusammen in dieser deutschlandweit einzigartigen Darstellung über NS-Zwangsarbeit in der eigenen Familiengeschichte. Ein alltägliches Massenverbrechen unter Beteiligung der deutschen Wirtschaft, das bis heute vom Ausmaß her noch immer wenig bekannt ist: 26 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg verschleppt und zur Arbeit gezwungen – ohne Bezahlung, ohne Rechte, ohne Würde. Die vielen Millionen verschleppten Menschen gelten als die größte und auch vernachlässigte Opfergruppe des NS-Systems. Wiktoria Delimat war eine von ihnen.
Diese außergewöhnliche künstlerische Auseinandersetzung lässt eine neue Form der Erinnerungskultur entstehen: Die Tochter trägt die Erinnerung der Mutter weiter und macht sie für die Gegenwart erfahrbar.
Das „P“-Abzeichen wurde bereits 1940 als erste diskriminierende Kennzeichnung im damaligen Deutschen Reich für NS-Zwangsarbeitende aus Polen verpflichtend. 1941 folgte der Judenstern, 1942 das „OST“-Abzeichen.
Ein emotional-bewegendes Stück für das lange verschwiegene Kapitel NS-Zwangsarbeit als Mittel von Ausgrenzung und Verfolgung, das bis heute auch das Leben der Nachgeborenen prägt.
Die autobiografischen Texte bilden die Grundlage für dieses außergewöhnliche Format, das die Geschichte eines öffentlichen Verbrechens tänzerisch und musikalisch umsetzt.
Zwangsarbeit gehörte zum Alltag der deutschen Bevölkerung und fand vor der Haustür statt: in den Lagern innerhalb von Wohngebieten, in privaten Haushalten, öffentlichen Dienststellen, Bahn, Post, Krankenhäuser, Industrie, Handwerk und in der Landwirtschaft.
Marie Zechiel übersetzt die Demütigungen, Ängste und Schmerzen in ausdrucksstarke und berührende Tanz-Szenen: Die verschleppten Menschen wurden systematisch durch elende Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgebeutet – oft bis zu ihrem frühen Tod.
Das Gesprochene und der Tanz lassen die Unmenschlichkeit und Grausamkeit spürbar erfahrbar werden, denen auch Wiktoria Delimat als NS-Zwangsarbeiterin ausgesetzt war.
Ute Delimat sieht sich in der Verantwortung, die Geschichte ihrer Mutter Wiktoria Delimat würdevoll und beispielhaft in Gedenken an die vielen Millionen ehemaliger Zwangsarbeiter:innen zu erzählen – vom Trauma bis hin zum Kampf um die Entschädigungszahlungen und „moralische Wiedergutmachung“.
Das Stück blickt in die Vergangenheit und die Gegenwart und appelliert an Toleranz, Courage und Nicht-Vergessen. Wir alle sind gefordert, uns für die Demokratie einzusetzen.
Stimmen
( … ) „Ihr Tanz ist keine dekorative Begleitung, sondern ein körperliches Zeugnis von Schmerz, Scham, Entwurzelung und der kaum fassbaren Sehnsucht nach Würde. Die Bewegungen sind kantig, stoßweise, manchmal kaum erträglich anzusehen – und gerade darin liegt ihre Kraft. Gabriela Croitoru untermalt und akzentuiert die Tanz-Szenen durch den facettenreichen Klang ihrer Konzertharfe, der von tröstend zart bis kraftvoll dramatisch reicht und die Grenzen zwischen Schönheit und Schmerz verschwimmen lässt.“
( … ) „Gerade jetzt, wo das Einmischen in Politik und Gesellschaft dringend notwendig ist“, sagt Ute Delimat, möchte sie „wachrütteln und berühren“. Dabei geht es ihr nicht um Schuld, sondern um die Geschichte der eigenen Familien ( … ) – egal, ob Täter:innen oder Opfer“.
( … ) „Ihre Tanzlesung ist eine beispielhafte und impulsgebende Antwort darauf, wie die Ansprache an ein heterogenes Publikum gelingen kann. Mit ihrer minimalistischen Form – eine Stimme, ein Körper, eine Harfe – setzen die drei Frauen dabei ein bewusstes Zeichen: Wenige Requisiten, nichts lenkt ab, nichts wird illustriert. Gerade diese Reduktion lässt Intensität entstehen, ohne jedoch zu überwältigen. Der Tanz, die Musik, das gesprochene Wort verdichten sich zu einer künstlerisch präzisen Darbietung, die die Nüchternheit historischer Fakten mit der Sensibilität persönlicher Erinnerung verbindet.“
Über
Wiktoria Delimat (1926-2018) – als 13-Jährige im März 1940 aus ihrer Familie gerissen und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Sie verlor ihre Heimat Polen (Nienaszów im Karpatenvorland im Südosten Polens), wurde in überfüllten Güterwaggons transportiert, überlebte die Arbeit in einer Munitionsfabrik und in einer Zuckerfabrik, Schläge, Misshandlung und Bewachung in Baracken, den Verlust ihrer Eltern und Geschwister durch den Krieg und fand eine zweite Heimat in Deutschland – bei der Familie, zu der sie einst als Zwangsarbeiterin kam.
( … ) „Wiktoria Delimat konnte ihre Erlebnisse nicht vergessen und erst viele Jahre nach Kriegsende darüber sprechen; ihre Tochter hat sich der Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Zwangsarbeit und dem Engagement für die Würde aller Menschen verpflichtet.
Dr. Dorothee Schlüter
Ute Delimat bezeichnet sich als Generalistin; beruflich begann sie in der Justiz, später arbeitete sie im Kommunikations- und Pressebereich für Unternehmen, Verbände, Agenturen, das Radio, dann als freie Autorin. Die Suche nach ihrer eigenen Identität, die eng verbunden ist mit dem Schicksal ihrer Mutter Wiktoria, ließ sie nie los. Begegnungen und Gespräche mit Persönlichkeiten wie John Kornblum, Wolf Biermann und Natascha Wodin haben sie zum Schreiben der eigenen Familiengeschichte ermutigt.
Marie Zechiel ist professionelle Bühnentänzerin, renommierte Movement Director und Choreografin, die an der Schnittstelle von Film, Fotografie, Mode und Performance arbeitet. Sie hat u. a. mit Heidi Klum, Herbert Grönemeyer, Peggy Gou und globalen Marken wie Calvin Klein, Longines, VOGUE zusammengearbeitet. Ihre persönlichen Arbeiten – von Filmprojekten bis hin zu Live-Performances – erforschen stets die Schönheit im Hässlichen und setzen sich mit Fragen von Identität und der Komplexität des Selbst auseinander.
Gabriela Croitoru ist professionelle und mehrfach international ausgezeichnete Harfenistin. Sie studierte an den Hochschulen für Musik in Weimar und Würzburg und ist seit September 2023 Akademistin der Dualen Orchesterakademie Thüringen. Im Rahmen dieser spielt sie mit der Jenaer Philharmonie und dem Theater Altenburg-Gera. Erfahrung sammelte sie in zahlreichen Orchestern, darunter auch die Staatskapelle Weimar und das Symphonieorchester der Nationalphilharmonie „Serghei Lunchevici“ in der Republik Moldau.
Für Anfragen, Rückfragen und andere Fragen, Gedanken, Anregungen und Einladungen freuen wir uns auf Ihre Nachricht.
Kontakt
Ute Delimat
gdee@posteo.de
LINKS
Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, Weimar: www.museum-zwangsarbeit.de
Ausstellung Zwangsarbeit in Südniedersachsen, Göttingen: www.zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu
Fotografie: Dominique Wollniok www.dominiquewollniok.de



